AFFAIREN Man tut sich schwer im Deutschen, Affairen – neuerdings Affären – außerhalb des Skandals, krimineller Machenschaften oder sexuell konnotierten Beziehungslebens zur Kenntnis zu nehmen. Zumindest der heimliche Suchauftrag, mögen die Heinzelmännchen der Internetrecherche denken, sei doch mit Sites à la „Partnersuche mit Foto“ oder „Beziehung kaputt, allein?“ gut bedient. Man muss einräumen, dass es nicht der schlechteste Hinweis auf das ist, was Thema dieser ersten Ausgabe eines Magazins am Fachbereich Design der Fachhochschule Dortmund ist. Beziehungen, emotionale und libidinöse Beziehungen, Wahlverwandtschaften, auch die Verrücktheit, die darin liegt, wenn man sich „verguckt“. Das ist Thema, aber auch Konzept. Sind aus derart „subjektiven“ Befindlichkeiten heraus Urteile möglich, unparteiische Urteile über die geistigen und kreativen Leistungen anderer Menschen? Man weiß doch: Aus dem Bauch heraus kann man sich verlieben, aber nicht gut über Newtons Optick, Brüstles Stammzellenforschung oder auch Boteros Abu Ghraib Zyklus urteilen. Doch die Dinge sind im Fluss. Selbst die moderne Wissenschaftsgeschichte weiß ganz gut um den hohlen Klang mancher Objektivitätspostulate, ob für naturwissenschaftliche Entdeckungen oder kulturwissenschaftliche und ästhetische Interpretationen. In der Wissenschaftsgeschichte etwa findet sich mittlerweile genügend Analyse der Art, dass berichtet wird von den Affären heute berühmter Forscher, Denker und Künstler. Und gemeint ist nicht, dass sie was mit der Haushälterin hatten oder dem Pfarrer, sondern mit ihrer Forschung und ihrer Arbeit, ihren Themen und Gegenständen. Und dass sie eben nur deshalb so erfolgreich waren auf ihrem Gebiet, weil sie all das in ihre Arbeit gelegt haben, was heftige Affären nun mal auszeichnet. – Freilich, es handelt sich um einen Denk- und Erzählansatz. Einen unter mehreren. Und einsichtig scheint, wer glaubt, Einstein oder Picasso seien aufgrund ihrer vielfältigen Affären so besonders kreativ gewesen, glaubt Vergleichbares auch vom eigenen Urteil. Dass man nur dann Überzeugendes zum Werk anderer Kreativer herausbringen kann, wenn man mit ihm eine eigene Affäre wagt. Von ähnlichen Überlegungen ist das Konzept dieses Heftes beeinflusst. Wir wollten keine Dokumentation und Auflistung der im Laufe der letzten Jahre am Fachbereich entstandenen Arbeiten herausgeben. Statt dessen haben wir nach Affären gefahndet. Affären zwischen unterschiedlichen Medien, Affären zwischen unterschiedlichen Formen und Hervorbringungen von Kreativität. Affären zwischen einzelnen Arbeiten, die sich bis zum gemeinsamen Auftritt in diesem Heft wohl nie so eng begegnet sind. Ist es nicht Liebe auf den ersten Blick, steht vor der Affäre oft genug die Suche nach dem geeigneten Partner. Die Affäre beginnt danach; und was zuvor kommt, ist vielleicht weniger libidinös besetzt, hat jedenfalls mit Anstrengung zu tun. In unserem Fall, im Fall einer Gruppenpublikation, die kein Künstlerbuch ist, wurde zuerst nach geeigneten Kriterien wünschenswerter Beziehung gefahndet. Und dann nach den Werken, die besondere Beziehungen zu illustrieren vermögen. Möglichst evident, konzeptionell und visuell. Ohne große Erklärung. Aber natürlich: letzten Endes hat das Affairen-Team die Verantwortung für die ausgesuchten Beziehungen wie die Verhältnisse. Denn am Ende waren wir es ja, die verschiedene Werke verkuppelt haben. Zwangsheiraten, wird der Skeptiker sagen, ohne die Beteiligten zu fragen. Wir finden, dass wir nichts erreichen könnten, wenn die Beteiligten nichts miteinander hätten. Außerdem sind es tatsächlich keine harten Kriterien, die unsere Hinsichten möglicher Zusammenstellung, unsere „Raster“, bestimmt haben. Eher wurde Gemeinsames über eine Art von Familienähnlichkeit identifiziert und dann erst mit einem Arbeitsbegriff belegt. Aus diesen Gemeinsamkeiten wurden die Kapitel des Heftes. The proof of the pudding will auch hier, dass man ihn löffelt. Wobei wir den Geschmack allerdings um jeweils eine Note erweitert haben. Bilder mit Texten. Die Kapitel werden gerahmt von Texten, die ihrerseits - wie die Arbeiten aus Grafik, Fotografie, Film, Objekt- und Raumgestaltung und Neuen Medien, denen sie voranstehen - verschiedene Gattungen repräsentieren. Texte und Abbildungen zusammen sollen die Affären erhellen, von denen wir hoffen, dass man sie spürt. Natürlich, jede Affäre will belebt werden. Und da mögen sich ganz neue Liebschaften ergeben. Wir sind gespannt auf die nächste Ausgabe. Macht ein, zwei, drei neue Magazine. - Wir danken allen, die uns ihre arbeiten zur Verfügung gestellt haben und allen, die uns unterstütz haben. Das Affairen-Team